Merkwürdige Telefonate

Ich muss mich immer wieder wundern, welch merkwürdige Ideen manchmal von Gründern an mich herangetragen werden. Und damit meine ich nicht, dass die Geschäftsideen merkwürdig wären. Nein, vielmehr sind es die Vorstellungen, die manche Zeitgenossen von Investoren und Unternehmensbeteiligungen haben, die irgendwie von einem völlig anderen Planeten zu stammen scheinen.

Kürzlich war es wieder einmal soweit. Ein Erfinder kontaktierte mich, da er über meine Webseite gestolpert war. Dort hatte er gelesen, dass ich Unternehmen bei der Akquise von Beteiligungskapital begleite.

Nun ja, das stimmt natürlich. Und ich freue mich ja auch, dass meine Webseite offenbar ganz passabel im Internet zu finden ist. Immerhin berate ich meine Mandanten ja auch im Bereich Marketing.

Doch manchen Zeitgenossen scheint wirklich jedes noch so kleine Fünkchen betriebswirtschaftlichen Verständnisses zu fehlen. Gleichzeitig scheinen diese Personen dann aber auch extrem beratungsresistent zu sein. Manchen kann man nicht einmal höflich klar machen, dass man ein Telefonat lieber beenden möchte.

Sicher, der Gründer, der mich neulich kontaktierte, hatte einige Erfindungen gemacht, die sich ganz interessant anhörten. Und vielleicht gibt es auch sogar einen Markt dafür. Das Problem liegt jedoch ganz woanders. Der Erfinder hat nämlich etwas merkwürdige Vorstellungen:

Er ist beispielsweise der Meinung, dass er nur 10.000 € braucht. Das ist kein Investment, denn ein Investment fängt ja – so seine Vorstellung – erst bei Summen von ca. einer halben Million € an. Ne, ist klar. Deshalb braucht er auch keinen Businessplan, denn (und das habe ich natürlich noch nie gehört) in seinem speziellen Fall ist natürlich alles anders. Und wenn ich meine, dass sein Kapitalbedarf und ein mögliches Honorar für mich nicht in einem gesunden Verhältnis stehen, dann kann man dem Investor ja auch sagen, dass der Erfinder 15.000 € braucht. Denn dann hat er ja seine 10.000 € und ich kann ja dann die 5.000 € als Honorar nehmen.

Also ehrlich: Bei solchen Dialogen frage ich mich, welche Drogen solche Typen nehmen. Was bitte muss man dafür rauchen und wie stark muss der Stoff sein, um solch einen Schwachsinn zu phantasieren?

Ich stelle mir dann manchmal vor, wie es wohl wäre, einen derartigen Gesprächsverlauf auf ein völlig anderes Themenfeld zu übertragen. Tun wir also einmal so, als wolle der Gründer ein Auto fahren:

Berater: „Das ist kein Problem, wenn Sie den passenden Führerschein haben.“
Gründer (lacht): „Nein, in meinem speziellen Fall ist das anders.“
Berater: „Aber man braucht in Deutschland und auch in allen anderen EU-Ländern immer einen Führerschein.“
Gründer: „Ja, das mag ja sein. Ich kann aber schon fahren. Denn ich habe schon oft zugesehen und ich war auch schon auf 500 Verkehrsübungsplätzen.“
Berater: „Trotzdem dürfen Sie nur mit einem Führerschein Auto fahren.“
Gründer: „Aber überlegen Sie doch einmal, was das für die Autoindustrie bedeutet. Ich sichere doch Arbeitsplätze, da ich vorhabe, mir ein neues Auto zu kaufen.“
Berater: „Natürlich dürfen Sie ein Auto kaufen. Ohne Führerschein dürfen Sie es nur nicht auf öffentlichen Straßen fahren.“
Gründer: „Aber auch der Staat hätte doch etwas davon. Denn ich zahle ja Kfz-Steuern.“
Berater: „Sie brauchen trotzdem einen Führerschein. Da gibt es keine Ausnahme.“
Gründer: „Können Sie nicht trotzdem eine Ausnahme machen?“
Berater: „Ich vergebe keine Führerscheine. Ich kann Sie höchstens gut auf den Erwerb eines Führerscheins vorbereiten. Denn sie werden immer und ohne Ausnahme einen Führerschein brauchen. Ohne Führerschein dürfen Sie kein Auto fahren.“
Gründer (lacht wieder): „Sie wollen mich nicht verstehen. Das ist bei mir doch völlig anders. Und außerdem sichere ich ja nicht nur Arbeitsplätze in der Automobilindustrie. Da wären ja auch noch die Werkstätten und die Tankstellen. Dort sichere ich überall Arbeitsplätze. Und Steuern zahle ich doch auch. Ich brauche keinen Führerschein, denn ich kann ja bereits fahren!“
Berater: „Ich geb’s auf …“

Ja, ich weiß, dieser fiktive Dialog mag merkwürdig anmuten. Und doch führe ich derartige Dialoge immer wieder. Man muss nur das Wort „Führerschein“ durch Businessplan“ und den Kontext des Autofahrens durch Investoren ersetzen – schon hat man exakt solche Gesprächsverläufe.

Liebe Gründer, Erfinder, Unternehmer, die Ihr diesen Blogbeitrag lest: Ich bin nicht für die Investitionsentscheidungen irgendwelcher Investoren persönlich verantwortlich. Ich habe keine Investoren quasi in der Schublade, die ich per Dekret zwingen kann, in Ihr Vorhaben zu investieren. Egal also, welche Argumente Sie vortragen, um mich von einem Investment überzeugen zu wollen: Ich kann Sie höchstens gut für den Investor vorbereiten. Dazu braucht man übrigens einen Businessplan.

Investoren sind auch keine Vollidioten oder willenlosen Goldesel, die man nach Belieben ausnehmen kann. Investoren werden nicht aufgrund einer fixen Idee anfragen, wie viel Geld es denn bitteschön sein darf.

Egal, welche fixen Ideen Ihr haben mögt, liebe Gründer, Erfinder oder Unternehmer: Es wird nie ohne einen definierten Business Case gehen, der bitteschön in einem vernünftigen Businessplan festzuhalten ist. Das ist – genau wie beim Führerschein – immer so. Da gibt es wirklich keine Ausnahme. Und nein, das ist auch in Ihrem speziellen Fall wirklich nicht anders. Es sei denn, Sie möchten sich mit Rip-Dealern oder ähnlichen Kriminellen einlassen.

Und nein: Ich arbeite auch nicht kostenlos, nur weil Ihre Idee so schön ist. Nochmals nein: Man kann auch nicht Ihren Kapitalbedarf um ein Drittel erhöhen, damit ich ein Honorar quasi indirekt über den Investor bekomme.

Liebe Gründer, Unternehmer oder Erfinder, wenn Sie der Meinung sind, dass all mein Fachwissen in Ihrem speziellen Fall völlig nutzlos ist, da in Ihrem speziellen Fall ja alles ganz anders ist, dann rufen Sie mich nicht an und schreiben mir auch keine E-Mail. Ich habe nämlich keine Zeit für solch einen Blödsinn.

  • Wir werden immer einen Businessplan brauchen.
  • Der Businessplan sollte belastbar sein und diesen Namen auch verdienen – vgl. hier.
  • Wir werden niemals ein Sammelsurium zusammenkopierter Zeitungsartikel als Ersatz für einen Businessplan an Investoren schicken.
  • Man kann auch nicht einem Investor irgendeine beliebige Summe „unterjubeln“ – der Kapitalbedarf ist in einer Planungsrechnung nachzuweisen.
  • Und nein, da gibt es auch keine Ausnahmen. Das ist tatsächlich auch in Ihrem speziellen Fall immer so und nicht anders.

Wenn Sie der Meinung sind, dass der Inhalt dieses Blogbeitrags Blödsinn ist, da sich auf Ihre diffusen Anfragen bereits „Investoren“ aus aller Herren Länder gemeldet haben, dann versuchen Sie bitte niemals, mich davon zu überzeugen, dass Sie Recht haben. Bitte nehmen Sie die gefundenen „Investoren“ unbedingt. Bitte nehmen Sie unbedingt auch den billigeren oder gar kostenlosen Unternehmensberater. Verschonen Sie mich! Danke!

Ja, genau. Verschonen Sie mich mit solchem Blödsinn. Denn ich habe erst in diesem Jahr beispielsweise einen Handwerksbetrieb verkauft. Da war nicht alles anders. Vielmehr haben wir ein aussagekräftiges Exposé angefertigt, das man auch den Kaufinteressenten vorlegen konnte.

Ebenfalls in diesem Jahr habe ich einen Investor für ein Projekt aus dem Lebensmittelbereich gefunden. Auch da war nicht aufgrund des speziellen Falls alles anders. Nein, ich habe wiederum einen Businessplan geschrieben, den ich zur Kapitalakquise genutzt habe. In Kürze bereiten wir die erste produzierte Charge und das Marketingkonzept vor.

Wiederum in diesem Jahr habe ich einen langjährigen Mandanten bei seiner Expansionsfinanzierung unterstützt. Diesmal ging es um ein Darlehen, das über eine Bank bereitgestellt wurde. Sie ahnen es bereits: Auch hier gab es nicht einen speziellen Fall, bei dem alles anders war. Nein, wir haben tatsächlich wieder einen Businessplan geschrieben, mit dem wir zur Bank gegangen sind.

Komisch: Mit diesen Unterlagen haben wir jeweils das Ziel erreicht.

Also: Wer der Meinung ist, dass er eine fundierte Beratung haben möchte, um beispielsweise sein Gründungsvorhaben zu finanzieren oder seine Restrukturierung durchzuführen, ist immer herzlich willkommen. Wer eine fundierte Beratung rund um sein Expansionsvorhaben sucht, ist herzlich willkommen. Gerne optimieren wir auch das Marketing oder die Organisation. Nur diejenigen, die meinen, dass bei ihnen alles anders ist, die sollten mich doch bitte mit ihrem Sermon verschonen. Denn dafür habe ich wirklich keine Zeit. Danke! 😉

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