Wie wird man eigentlich Influencer?

Einige Leser hier wissen es ja vielleicht: Ich betreibe auch ein Reiseblog und deshalb habe ich bei Facebook eine Reiseblogger-Gruppe abonniert. Und dort fiel mir heute ein Beitrag auf, in dem jemand enttäuscht kommentiert, dass die Influencerin Caro Daur in der Kategorie „Travel“ den Influencer Award gewonnen hat.

Ja, einige Leser fragen sich nun vermutlich: „Hä?“. Und ja, es ist ja auch wirklich interessant, welche neuen Berufe das Social Web so alle hervorbringt. Denn es gibt ja nun tatsächlich Leute, die die  Berufsbezeichnung Blogger, YouTuber, Instagrammer oder eben Influencer tragen.

Für die etwas älteren unter uns – und ich bin ja auch schon fast 50: Blogger, YouTuber oder Instagrammer sind Menschen, die auf diesen Social Media Kanälen Beiträge schreiben. Gut, das machen viele Menschen. Aber die, die das beruflich machen, können offenbar davon leben. Manche sogar offenbar ganz gut. Und die, die richtig gut davon leben und gaaaaaanz viele Follower haben, sind dann eben Influencer. Wikipedia liefert dazu die folgende Definition:

Influencer (von engl. to influence: beeinflussen) ist ein um 2007 entstandener Begriff für eine Person, die aufgrund ihrer starken Präsenz und hohen Ansehens in einem oder mehreren sozialen Netzwerken eines kommerzialisierten Internets für Werbung und Vermarktung in Frage kommt (Influencer-Marketing).

Caro Daur, die eingangs zitierte Travel-Kategorie-Gewinnerin des Influencer Awards ist auch so eine Influencerin. Da stellt sich also die Frage: Was macht so eine Influencerin eigentlich?

Doch zunächst: Woher kenne ich Caro Daur? Nun, zunächst einmal kenne ich sie ja nicht persönlich. Vielmehr stolperte ich erstmals kürzlich über sie, da die Bild-Zeitung ihr 65-jähriges Jubiläum feierte und jeden Haushalt mit einem Gratis-Jubel-Exemplar beglückte. Na ja, kann man auf dem Boller ja mal lesen, wenn es schon umsonst ist. Ja, und dabei stolperte ich erstmals über den Namen Caro Daur, da sie in einem Artikel der Kostenlos-Bild-Jubel-Ausgabe erwähnt wurde.

Caro Daur ist ausweislich der Angaben auf ihrer Webseite 21 Jahre alt. Auf ihrer Webseite und bei Instagram postet sie eine Art permanenter Werbesendung, denn es gibt Blogbeiträge und viele Fotos, in denen sie gesponsorte Klamotten oder Accessoires vorstellt. Die Zielgruppe ist offensichtlich jünger und überwiegend weiblich.Und da der „Content“ bei Caro Daur (und vielen anderen Influencern) letztlich nur aus Werbung besteht, schrieb das Manager Magazin kürzlich treffend: Die Daur-Werbesendung.

Kommen wir also noch einmal zur weiter oben zitierten Definition eines Influencers in der Wikipedia zurück. Denn dort ist von hohem Ansehen die Rede. Nun ja, als ich jünger war, galt zumindest die Bild-Zeitung als alles andere als cool. Und dau(e)rhafte Werbe-Dau(e)r-Berieselung hätten die meisten wohl eher als nervig empfunden. Insofern frage ich mich schon, weshalb derartige Permanent-Werbeblöcke einen derartigen Zuspruch erhalten.

Denn irgendwie ist es doch merkwürdig: Wir werfen Werbeprospekte weg, ohne sie auch nur anzuschauen. Wir zappen, sobald im Fernsehen die Werbung erscheint. Wir verwenden Popup-Blocker und Ad-Blocker, um in Ruhe im Internet surfen zu können. Und dann gibt es Leute die einen (dafür auch noch bezahlten) lebenden Kleiderständer zur Stilikone hochjubeln. Verstehen muss ich das nicht.

Was ich auch nicht verstehe: Angeblich sind Influencer ja so erfolgreich, weil sie authentisch sind. Na ja, in dem bereits zitierten Artikel des Manager Magazins hält Caro Daur es für Content, wenn sie sich den Besuch eines Festivals von einem Online-Shop sponsorn lässt und dabei für Geld deren Klamotten trägt. Wow, ganz schön authentisch. Klingt für mich wie Werbung und eher nicht nach Content. Kritische Zeitgenossen könnten sogar sagen: „Die macht irgendwie alles für Geld“. Andererseits haben wir ja schon in unserem Beitrag zu den Unboxing-Videos festgestellt, dass es einen merkwürdigen Trend zu letztlich doch sehr inhaltsleerem „Content“ gibt.

Ich persönlich kann mir eigentlich nichts langweiligeres vorstellen als Fotos bei Instagram oder Blogbeiträge auf einer Webseite, auf denen eine Influencerin irgendwelche zum Must-have hochgejubelten Klamotten trägt, nur weil der jeweilige Anbieter das aktuell höchste Angebot auf den Tisch gelegt hat. In der Tat: Ein merkwürdiger Trend. Andererseits ist der Trend auch irgendwie verständlich wenn man sieht, welcher Blödsinn auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder WhatsApp so alles geteilt wird. Denn da vergeht ja auch kein Tag, an dem nicht mindestens ein Bekannter (bzw. neudeutsch Follower) irgendein lustiges Video oder ein Bild mit einem inhaltsleeren Kalenderspruch postet und dafür beachtlich viel Beachtung erfährt.

Weshalb Blogs bzw. Instagram-Profile mit reinem Werbeinhalt über 1 Mio. (oder mitunter noch mehr) Follower aufbauen können, bleibt mir allerdings weiterhin ein Rätsel. Wen interessiert denn wirklich, welche gesponsorten Klamotten ein junges Mädel auf einem Foto trägt? Wie schafft man es, damit so viele Menschen zu erreichen?

Andererseits: Vielleicht ist genau das ja auch der große Schwindel. Vielleicht folgen sich ja hier nur Influencer und solche, die es werden wollen gegenseitig und jubeln so die Zugriffszahlen zu einer de facto gar nicht vorhandenen Reichweite hoch. Denn mal ehrlich: Interessiert es wirklich, in welchem Karton das 300. Paar Turnschuhe geliefert wird oder mit welchen Klamotten und Accessoires ein lebender Kleiderständer von „Fashion-Bloggerin“ von irgendeinem Marken-Verantwortlichen vor einem Fotoshooting behängt wird? Ich bin jedenfalls gespannt, wie sich deser Trend in der Marketing-Kommunikation weiterhin entwickeln wird.

Bildnachweis: Pixabay CCO Public Domain

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